Das Internet, das als Ursache dient
SRF erklärt die Anziehungskraft des Islamischen Staates auf Jugendliche und rahmt sie als technologisches und psychologisches Problem. Tiktok, Lebenskrisen, das Bedürfnis nach Sinn. Was nicht vorkommt: die Herkunft der Täter. Was nicht vorkommt: der kulturelle Hintergrund, in dem Judenhass und Homophobie normal sind. Was nicht vorkommt: die Schweizer Fälle, die das abstrakte Narrativ widerlegen. Der Beitrag ist eine Soziologie ohne Kontext, die das Internet zur Ursache macht, um die Realität zu schonen.
Zum SRF-Beitrag «Deshalb sprechen Jugendliche auf den ‹Islamischen Staat› an», 10vor10, 29.07.2026
Das Framing steht im ersten Satz der Antwort: «Während Al Kaida noch Boten mit VHS-Kassetten schicken musste, haben Influencer-Prediger auf Tiktok übernommen.» Die Radikalisierung ist ein technologischer Prozess. Die Plattform ist der Täter, der Jugendliche ist das Opfer eines Algorithmus. SRF berichtet über eine ideologische Bewegung, die den Westen angreift, und rahmt sie als viralen Internet-Trend. Die Frage, was diese Jugendlichen vor dem Tiktok-Konsum geglaubt haben, wird nicht gestellt.
Der Täter, der keine Herkunft hat
SRF erwähnt den Berliner CSD-Anschlag. «Diesem Drehbuch ist wohl auch der Verdächtige in Berlin gefolgt.» Wer dieser Verdächtige ist, bleibt unerwähnt. Dass es sich um einen jungen Mann aus dem islamischen Raum handelt, welcher in Deutschland geboren wurde, und dass sein kultureller Hintergrund die IS-Propaganda aufnahm, bleibt unerwähnt. SRF abstrahiert den Täter zu einem «jungen Mann» mit «psychischen Problemen» oder «Lebenskrisen».
Die Frage, die nicht gestellt wird: Ist die Radikalisierung ein Zufallsprodukt des Internets, oder trifft die Propaganda auf ein spezifisches kulturelles Milieu? SRF berichtet, dass «besonders junge Männer, viele aus muslimischen Familien» angesprochen werden. Dass diese Familien oft aus Gesellschaften stammen, in denen Judenhass und Homophobie staatlich oder gesellschaftlich verankert sind, bleibt unerwähnt. Die Herkunft wird genannt und dann fallengelassen, als wäre sie ein kosmetisches Detail, nicht der Nährboden.
Der Boden, der genannt und nicht untersucht wird
Hier liegt die verräterische Stelle des Beitrags. Daniel Glaus sagt: «Einstellungen wie Judenhass, die Verachtung Homosexueller, das Abwerten von Demokratie und westlicher Kultur, diesen Boden legen teilweise extremistische Imame, radikale Instagram-Hosts oder die Familie und Freunde.» SRF nennt den Boden, aber es weigert sich, ihn zu untersuchen.
Wenn Familie und Freunde den Judenhass legen, in welchen Familien passiert das? In welchen kulturellen Räumen? SRF berichtet, dass der IS von «vielen aus muslimischen Familien» angesprochen wird. Die Frage, ob diese Familien eine Kultur pflegen, die den IS-Werten näher steht als den Schweizer Werten, wird nicht gestellt. Die Familie wird als Faktor genannt, aber als abstrakte Grösse belassen. SRF fragt nicht, ob die Migration von Gesellschaften mit extremen antiwestlichen und antisemitischen Einstellungen den Boden bereitet, den der IS nur ernten muss. Die Soziologie bleibt im Ungefähren, um die konkrete Realität nicht benennen zu müssen.
Die Schweiz, die im Intro vorkommt und im Text verschwindet
Die Anmoderation sagt: «Sie rekrutiert aktiv, auch in der Schweiz.» Der Beitrag liefert danach keinen einzigen Schweizer Bezug. SRF erwähnt den Berliner Anschlag, aber nicht den Zürcher Anschlag auf den orthodoxen Juden im März 2024. SRF erwähnt nicht den Winterthur Attentäter. SRF erwähnt nicht die Schweizer Gefährder, die in den Medien immer wieder auftauchen.
Die Schweizer Fälle würden die Abstraktion brechen. Sie würden zeigen, dass es nicht nur Tiktok ist, sondern konkrete lokale Milieus, konkrete Familien, konkrete Moscheen. SRF hält sich im internationalen Abstraktionsraum auf, um die Schweizer Realität nicht thematisieren zu müssen. Die Frage, wie viele Schweizer Jugendliche sich in den lokalen Moscheen oder in den lokalen Parallelgesellschaften radikalisieren, bevor sie ins Internet gehen, wird nicht gestellt. Der Blick auf Berlin dient der Distanzierung von der eigenen Lage.
Die Religion, die nur als Opfer figuriert
SRF erklärt die IS-Propaganda: «Der Westen sei im Krieg gegen den Islam, deshalb müssten sich alle Muslime unter dem Banner des IS zusammenschliessen.» SRF übernimmt diese Lesart implizit, indem es die Moslems nur als Ziel von IS-Propaganda darstellt. Die Frage, ob die islamische Religion selbst Texte und Lehren enthält, die den Hass auf Ungläubige oder die Verachtung von Homosexuellen legitimieren, wird nicht gestellt.
SRF trennt den IS sauber vom Islam, ohne zu fragen, ob diese Trennung in den Milieus, aus denen die Täter kommen, überhaupt vollzogen wird. SRF berichtet, dass der IS eine «Vision einer vermeintlich guten, gerechten Welt» verbreitet. Die Frage, ob diese Vision auf theologischen Grundlagen aufbaut, die im mainstream-Islam existieren, wird nicht gestellt. Die Religion wird als neutrale Grösse behandelt, die vom IS gekapert wird, nicht als ein Faktor, der selbst zur Radikalisierung beiträgt.
So funktioniert dieser Beitrag: Er erklärt eine ideologische Bedrohung zu einem technologischen und psychologischen Problem. Die Herkunft der Täter fehlt. Der kulturelle Hintergrund, der den Boden bereitet, wird genannt und nicht untersucht. Die Schweizer Fälle, die das Narrativ widerlegen würden, fehlen. Die Religion wird als Opfer gerahmt. Wer den Beitrag liest, weiss, dass Tiktok gefährlich ist und dass Jugendliche in Lebenskrisen vulnerabel sind. Wer wissen will, aus welchen Milieus die Täter kommen, welche Rolle die Migration aus antiwestlichen Gesellschaften spielt, wie die Schweizer Prävention funktioniert und ob der Islam selbst den Nährboden liefert, bekommt keine Antwort, weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine Extremismusberichterstattung, das ist eine Soziologie ohne Kontext, die das Internet zur Ursache macht, um die Realität zu schonen.
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