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Das Elend, das im Ausland immer grösser ist als zu Hause
Medienkritik
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Das Elend, das im Ausland immer grösser ist als zu Hause

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SRF berichtet über Las Vegas — und rahmt die Stadt als Sündenbabel, das auf Kosten der Schwächsten prosperiert. «Glanz und Elend», «Stadt der Sünde», «Eldorado auf Kosten der Schwächsten» — das sind die Formulierungen, die eine Stadt moralisch verurteilen, bevor sie analysiert wird. Was nicht vorkommt: die Schweiz. Was nicht vorkommt: die Schweizer Wohnungsnot, die Schweizer Spielsucht, die Schweizer Obdachlosigkeit, die Schweizer Drogenpolitik. Was nicht vorkommt: die Frage, ob das Elend, das SRF in Nevada findet, auch in Bern, Zürich oder Genf existiert — und ob SRF es mit derselben Unerbittlichkeit benennen würde. Der Beitrag ist Auslandsberichterstattung als moralische Selbstentlastung — der Blick nach Nevada erübrigt den Blick nach Bern.

Zum SRF-Beitrag «Las Vegas: Das Geschäft mit dem Glamour hat seinen Preis», RTS Temps présent, 17.07.2026


Das Framing steht im Titel: «Glanz und Elend.» Das ist die Formulierung, die einen Kontrast als Urteil etabliert. Glanz — das ist die Oberfläche, die verführt. Elend — das ist die Wahrheit, die darunter liegt. Wer den Titel liest, weiss, bevor er den Text liest: Las Vegas ist schön und böse. Die Frage, ob eine Stadt mit 16 Milliarden Dollar Tourismuseinnahmen und 2,4 Millionen Einwohnern komplexer ist als ein Kontrast, wird nicht gestellt. SRF entscheidet: Las Vegas ist Glanz und Elend — und das Elend ist der Preis.

Die Obdachlosigkeit, die ohne Schweizer Massstab bleibt

SRF schreibt: «Nevada hat eine der höchsten Obdachlosenquoten der USA.» Das ist der Befund — und er steht da ohne Vergleich. «Eine der höchsten» — das ist die Formulierung, die einen Rang behauptet, ohne ihn zu quantifizieren. Wie hoch ist die Quote? Wie viele Obdachlose gibt es pro 100'000 Einwohner? SRF nennt keine Zahl — ausser den 600 opioidbedingten Todesfällen, die eine andere Kategorie sind. Die Frage, die nicht gestellt wird: Wie hoch ist die Schweizer Obdachlosenquote? Die Schweiz hat Obdachlose — in Zürich, in Bern, in Genf. Die Stadt Genf, aus der dieser Beitrag stammt, hat eine sichtbare Obdachlosigkeit, die jedes Jahr im Winter zu Notmassnahmen führt. Wie vergleicht sich Genf mit Las Vegas?

SRF fragt nicht. Die Obdachlosigkeit in Nevada ist ein Befund — die Obdachlosigkeit in der Schweiz existiert nicht. Das ist Framing: Das Elend im Ausland ist erwähnenswert — das Elend zu Hause ist nicht erwähnenswert. Ein Schweizer Sender, der Schweizer Gebühren zahlt, berichtet über amerikanische Obdachlose in Tunneln — und nicht über Schweizer Obdachlose unter Brücken.

Die Wohnungsnot, die als amerikanisches Problem gerahmt wird

SRF schreibt: «Gleichzeitig verschärft die Tourismusindustrie die Wohnraumkrise.» «Die Mieten sind seit 2020 um 35 Prozent gestiegen.» Das sind Zahlen — und sie sind alarmierend. 35 Prozent Mietsteigerung in fünf Jahren — das ist eine Krise. Aber SRF fragt nicht, wie sich die Schweiz entwickelt hat. Die Schweizer Mieten sind seit 2020 ebenfalls gestiegen — nicht um 35 Prozent, aber um Prozentzahlen, die für viele Haushalte existentiell sind. Der Schweizer Wohnungsmarkt ist angespannt — in Zürich, in Genf, in Bern. Leerstand ist historisch tief. Bauzinsen sind gestiegen. Genossenschaftswohnungen sind überbucht. SRF erwähnt keinen davon.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wenn Las Vegas eine Wohnraumkrise hat — hat die Schweiz auch eine? SRF schreibt: «Es ist inzwischen schwierig geworden, ein Haus zu kaufen, weil viele Unternehmen Immobilien ausschliesslich erwerben, um sie zu vermieten.» Das ist die Beschreibung eines Trends, der auch in der Schweiz existiert: institutionelle Investoren kaufen Wohnungen, um sie zu vermieten — und treiben die Preise. SRF berichtet über den Trend in Nevada — und nicht über den Trend in der Schweiz. Das ist Framing: Die Wohnungsnot ist ein amerikanisches Problem — nicht ein Schweizer.

Die Spielsucht, die als amerikanische Epidemie gerahmt wird

SRF schreibt: «Jeder zwölfte Spielende in den USA ist spielsüchtig – oder steht kurz davor, es zu werden.» Das ist die Zahl — und sie ist alarmierend. Ein Zwölftel — das sind Millionen Menschen. SRF rahmt Sportwetten als Epidemie mit «erheblichen Nebenwirkungen». Die Frage, die nicht gestellt wird: Wie viele Schweizer sind spielsüchtig? Die Schweiz hat Casinos — in Grandson, in Lugano, in Basel. Die Schweiz hat Swisslos — den staatlichen Glücksspielanbieter. Die Schweiz hat Online-Casinos — seit 2019 legalisiert. Wie viele Schweizer sind spielsüchtig? Wie hat sich die Spielsucht entwickelt, seit Online-Glücksspiel legal ist?

SRF fragt nicht. Die Spielsucht ist ein amerikanisches Problem — die Schweizer Spielsucht existiert nicht. Das ist Framing: SRF berichtet über 60 Millionen Amerikaner, die auf Sport wetten — und nicht über Schweizer, die auf Swisslos setzen. SRF berichtet über die «Nebenwirkungen» von Sportwetten in den USA — und nicht über die Nebenwirkungen von Swisslos in der Schweiz. Die Frage, ob ein Staat, der Glücksspiel monopolisiert und bewirbt, dasselbe Problem produziert wie ein Staat, der es liberalisiert, wird nicht gestellt.

Die Casinos, die als Machtstrukturen gerahmt werden — ohne Schweizer Pendant

SRF schreibt: «Zudem finanzieren die Casinobetreibenden Wahlkampagnen. Ohne ihre Unterstützung ist es äusserst schwierig, eine Kommunalwahl zu gewinnen.» Das ist die Beschreibung einer Machtstruktur — und sie ist kritisch. Casinos kaufen Politiker — Politiker schützen Casinos. SRF rahmt das als korrupt — und fragt nicht, ob die Schweiz ähnliche Strukturen kennt. Die Schweiz hat eine Lobbying-Landschaft, die undurchsichtig ist. Die Schweiz hat Parteispenden, die teilweise unreguliert sind. Die Schweiz hat Wirtschaftskammern, die Einfluss auf Politik nehmen. Die Schweiz hat einen Finanzplatz, der politisches Gewicht hat.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Gibt es Schweizer Akteure, die vergleichbaren Einfluss auf Schweizer Politik nehmen — wie Casinos auf Nevada-Politik? SRF fragt nicht. Die Macht der Casinos in Nevada ist ein Befund — die Macht von Akteuren in der Schweiz ist kein Thema. Das ist Framing: Die strukturelle Korruption im Ausland ist erwähnenswert — die strukturelle Korruption zu Hause ist nicht erwähnenswert.

Die Drogen, die als amerikanische Tragödie gerahmt werden

SRF schreibt: «Zwischen Oktober 2023 und August 2024 wurden im Clark County, zu dem Las Vegas gehört, mehr als 600 opioidbedingte Todesfälle registriert.» Das ist die Zahl — und sie ist tragisch. 600 Tote in zehn Monaten — das ist eine Epidemie. SRF rahmt Fentanyl als verheerend — und fragt nicht, wie sich die Schweiz entwickelt. Die Schweiz hat eine Drogenpolitik, die international gefeiert wird — aber die Schweiz hat auch Drogentote. Wie viele? Wie hat sich die Zahl entwickelt? Gibt es Schweizer Städte, in denen Drogen eine wachsende Belastung sind?

SRF fragt nicht. Die Drogenepidemie ist amerikanisch — die Schweizer Drogenpolitik ist erfolgreich. Das ist Framing: SRF berichtet über Fentanyl-Tote in Nevada — und nicht über Drogentote in der Schweiz. Die Frage, ob die Schweizer Drogenpolitik tatsächlich so erfolgreich ist, dass sie keinen Vergleich mit Nevada nötig hat — oder ob SRF den Vergleich scheut, weil er unerwartete Befunde liefern könnte —, wird nicht gestellt.

Die Stimmen, die einseitig ausgewählt werden

SRF zitiert zwei Menschen: Louis Khaled, der in Tunneln lebt und Angst vor der Polizei hat — und Chris, der leerstehende Häuser sichert und Mieten reduzieren würde, «wenn es in seiner Hand läge». Das sind zwei Stimmen — und beide sind Opfer. Louis ist ein Opfer der Behörden. Chris ist ein Opfer der Marktlogik. SRF zitiert niemanden, der die Stadt verteidigt. Keinen Casino-Betreiber, der erklärt, wie viele Jobs er schafft. Keinen Stadtplaner, der erklärt, was Las Vegas für seine Einwohner tut. Keinen Ökonomen, der erklärt, warum 16 Milliarden Dollar Tourismuseinnahmen nicht nur Verlierer produzieren. Keinen Politiker, der erklärt, warum Nevada keine Einkommensteuer erhebt — und was das für die Einwohner bedeutet.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Gibt es Menschen in Las Vegas, die die Stadt anders sehen — als Chance, als Aufstieg, als Heimat? SRF fragt nicht. Die Stimmen, die vorkommen, sind die Stimmen des Elends — und die Stimmen, die nicht vorkommen, sind die Stimmen des Glanzes. Das ist Framing: Las Vegas ist Elend — und wer das nicht sieht, der schaut nicht hin.

Die Moral, die als Analyse gerahmt wird

SRF schreibt: «Der Wohlstand der ‹Stadt der Sünde› scheint sich also auf Kosten der Schwächsten ungebremst fortzusetzen.» «Auf Kosten der Schwächsten» — das ist die Formulierung, die eine ökonomische Analyse als moralisches Urteil präsentiert. Wer reich wird, wird es auf Kosten der Schwachen — das ist die Prämisse, und sie wird nicht geprüft. Die Frage, ob 16 Milliarden Dollar Tourismuseinnahmen auch Wohlstand produzieren, der den «Schwächsten» zugutekommt — durch Jobs, durch Steuern, durch Infrastruktur —, wird nicht gestellt. SRF rahmt den Wohlstand als Ausbeutung — und fragt nicht, ob er auch Verteilung ist.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Ist Las Vegas reicher oder ärmer als vergleichbare Städte ohne Tourismusindustrie? Sind die Menschen in Las Vegas besser oder schlechter dran als in Städten ohne Casinos? SRF fragt nicht. Die Moral ersetzt die Analyse — und die Moral lautet: Reichtum auf Kosten der Schwachen ist Unrecht. Das ist eine Position — aber es ist keine Untersuchung.


So funktioniert dieser Beitrag: Er berichtet über Las Vegas als Sündenbabel — und nennt keine Schweizer Vergleichszahlen. Er rahmt Obdachlosigkeit als amerikanisches Problem — ohne Schweizer Obdachlosigkeit zu erwähnen. Er rahmt Wohnungsnot als nevadianische Krise — ohne Schweizer Wohnungsnot zu benennen. Er rahmt Spielsucht als US-Epidemie — ohne Schweizer Spielsucht zu untersuchen. Er rahmt Casino-Macht als korrupt — ohne Schweizer Lobbying-Strukturen zu prüfen. Er rahmt Fentanyl als Tragödie — ohne Schweizer Drogentote zu zählen. Er zitiert zwei Opfer — und keinen Verteidiger der Stadt. Und er rahmt den Wohlstand als Ausbeutung — ohne zu fragen, ob er auch Verteilung ist. Wer den Beitrag hört, weiss, dass Las Vegas Glanz und Elend ist, dass 600 Menschen an Fentanyl starben und dass die Mieten um 35 Prozent stiegen. Wer wissen will, wie hoch die Schweizer Obdachlosenquote ist, wie sich Schweizer Mieten entwickelt haben, wie viele Schweizer spielsüchtig sind, wer Schweizer Politik finanziert, wie viele Schweizer Drogentote es gibt und ob der Schweizer Wohlstand auch auf Kosten der Schwächsten geht, bekommt keine Antwort — weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine Auslandsberichterstattung, das ist eine moralische Selbstentlastung — der Blick nach Nevada, damit niemand nach Bern schaut.

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