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Das Bad, in dem alle recht haben
Medienkritik
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Das Bad, in dem alle recht haben

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Dieser SRF-Beitrag über den Polizeieinsatz gegen eine trans Frau im Berner Marzilibad ist ein Lehrstück in konfliktvermeidendem Journalismus: Eine Story über einen Nacktbereich, eine Geschlechtsfrage, einen Polizeieinsatz mit Handschellen, eine Spitalnacht und eine städtische Entschuldigung wird so erzählt, dass am Ende alle recht haben — ausser der Polizei, die zwar erwähnt, aber nicht befragt wird. Die Frauen, die sich gestört fühlten, kommen als Stimme nicht vor. Die Frauen, die sich solidarisierten, kommen als Stimme nicht vor. Die trans Frau kommt als Stimme nicht vor. Die Stadt Bern kommt mit einer Pressemitteilung vor. Das Umfeld der trans Frau kommt mit einer Mitteilung vor. Die Polizei kommt mit einem Communiqué vor. Niemand wird befragt. Niemand wird konfrontiert. Der Beitrag ist eine Aneinanderreihung von offiziellen Stellungnahmen, die keine der zentralen Fragen beantwortet: Wer hat hier recht? Wer hat hier Unrecht? Und was bedeutet das für die Frage, wer Zugang zu einem frauen-separierten Nacktbereich hat?

Zum SRF-Beitrag «Berner Polizei führt trans Frau aus dem Marzilibad», Regionaljournal Bern Freiburg Wallis / SRF News, 29.06.2026


Was der Beitrag gut macht

Die Fakten sind dokumentiert: Eine trans Frau hielt sich im FKK-Frauenbereich des Marzilibads auf, wurde von anderen Badegästen (Frauen) nicht als weiblich gelesen, einige fühlten sich gestört, andere solidarisierten sich, der Badbetrieb rief die Polizei, die Polizei führte die trans Frau mit männlichem Geschlechtsteil ab, sie wurde zwei Stunden festgehalten, verbrachte die Nacht im Spital. Die Stadt Bern hat sich entschuldigt und die Zugangsregel kommuniziert: «Alle Personen, die sich als Frau identifizieren und als solche leben, haben Zugang zum Paradiesli.» Im Härtefall gilt das amtliche Geschlecht im Ausweis. Das ist eine klare Regel — und der Beitrag gibt sie korrekt wieder. Die Erwähnung, dass der Badbetrieb «fälschlicherweise» eine polizeiliche Wegweisung angeordnet hat, ist eine institutionelle Selbstkritik der Stadt, die der Beitrag zutreffend zitiert.

Die Frauen, die sich gestört fühlten: unsichtbar

Der Beitrag sagt: «Manche Besucherinnen hätten sich durch ihre Anwesenheit gestört gefühlt.» Das ist die einzige Erwähnung der Frauen, die den Anstoss gegeben haben. Wer sind sie? Was genau hat sie gestört? War es die Anwesenheit einer Person mit männlichen körperlichen Merkmalen in einem Frauen-FKK-Bereich? War es die Unsicherheit, ob die Person weiblich ist oder nicht? War es ein Gefühl der Bedrohung, der Verletzung der Privatsphäre, des Schamgefühls? Der Beitrag fragt nicht.

Das ist keine Nebensächlichkeit. Es ist die Kernfrage des Konflikts: Haben Frauen, die einen frauen-separierten Nacktbereich aufsuchen, ein legitimes Interesse daran, dass dort nur Personen anwesend sind, die sie als Frauen wahrnehmen? Oder ist dieses Interesse transphob? Der Beitrag stellt die Frage nicht — und damit verweigert er die Auseinandersetzung mit dem zentralen Konflikt. Er erwähnt die gestörten Frauen, um sie sofort zu überspringen: Die Stadt hat sich entschuldigt, also hatten sie offenbar unrecht. Aber warum hatten sie unrecht? Weil die Regel Selbstidentifikation vorsieht? Oder weil die Stadt die Regel nicht klar kommuniziert hat? Der Beitrag beantwortet das nicht.

Die Frauen, die sich solidarisierten: unsichtbar

Der Beitrag sagt: «Andere hätten sich mit der Frau solidarisiert.» Wer waren sie? Wie viele? Haben sie die gestörten Frauen konfrontiert? Haben sie das Badepersonal angegangen? Haben sie die Polizei behindert? Der Beitrag erwähnt, dass «mehrere Anwesende» die polizeiliche Intervention behindert haben — aber er verbindet das nicht mit der Solidarisierung. Waren die Solidarisierenden dieselben Personen, die die Polizei behinderten? Das wäre eine wesentliche Information — denn es würde bedeuten, dass der Konflikt nicht zwischen der trans Frau und den gestörten Frauen verlief, sondern zwischen zwei Gruppen von Frauen, die sich über die Anwesenheit der trans Frau stritten. Der Beitrag lässt das offen.

Die trans Frau: keine eigene Stimme

Die trans Frau kommt nicht selbst zu Wort. Ihr «Umfeld» veröffentlicht eine Mitteilung, und Personen aus ihrem Umfeld berichten der Keystone-SDA. Aber die betroffene Person selbst wird nicht befragt. Das ist journalistisch nachvollziehbar (Opferschutz, Privatsphäre, mögliche Traumatisierung) — aber es sollte markiert werden. Wer über einen Polizeieinsatz berichtet, bei dem eine Person mit Handschellen abgeführt und zwei Stunden festgehalten wurde, sollte zumindest thematisieren, ob die Person angefragt wurde und warum sie nicht selbst spricht.

Die Mitteilung des Umfelds enthält schwere Vorwürfe: «Sechs Polizeiangestellte hätten die trans Frau unter grobem Körpereinsatz zu Boden gebracht und mit Handschellen abgeführt.» Das ist eine Aussage über Polizeigewalt — und der Beitrag gibt sie ungeprüft wieder. Er fragt nicht: Gibt es Zeugen? Gibt es Videoaufnahmen? Gibt es Körperverletzungen, die im Spital dokumentiert wurden? Er fragt nicht, ob das Umfeld eine politische Organisation ist, eine Anwältin, eine Freundin. Er fragt nicht, ob die Aussage auf eigener Wahrnehmung oder auf Hörensagen beruht. Das ist nicht Journalismus, das ist Pressemitteilungs-Übernahme.

Die Spitalnacht: erwähnt, aber nicht erklärt

Der Beitrag sagt: «Sie habe die Nacht in einem Spital verbracht.» Warum? War sie verletzt? War es eine psychische Krise? War es eine Untersuchung nach Polizeigewalt? War es eine vorbeugende Massnahme? Die Spitalnacht ist eine dramatische Information — sie suggeriert, dass die trans Frau durch den Polizeieinsatz gesundheitlich beeinträchtigt wurde. Aber der Beitrag liefert keine Erklärung. Er lässt die Information stehen, als wäre sie selbsterklärend — und damit übernimmt er das Framing des Umfelds: Die Polizei hat Gewalt angewendet, die Frau musste ins Spital. Ob das kausal zusammenhängt, wird nicht geprüft.

Die Polizei: erwähnt, aber nicht befragt

Die Polizei liefert eine Gegenperspektive: Die trans Frau habe sich geweigert, den Bereich zu verlassen. Mehrere Anwesende hätten die Intervention behindert. Die Frau habe sich den Massnahmen aktiv widersetzt. Eine unbekannte Person habe eine Polizistin tätlich angegriffen, die Beamtin habe leichte Verletzungen erlitten.

Das sind ebenfalls schwere Vorwürfe — und der Beitrag gibt sie ungeprüft wieder. Er fragt nicht: Was bedeutet «aktiv widersetzt»? Hat die Frau geschubst? Hat sie geschrien? Hat sie sich auf den Boden gesetzt? Er fragt nicht nach der Polizistin, die verletzt wurde: Wie schwer waren die Verletzungen? Wurde sie medizinisch versorgt? Wurde der Angreifer identifiziert? Er fragt nicht nach dem Verhältnismässigkeitsprinzip: Wenn eine Person sich weigert, einen Frauen-FKK-Bereich zu verlassen — rechtfertigt das Handschellen, Festhaltung, Spitalnacht?

Der Beitrag stellt die Aussagen von Umfeld und Polizei nebeneinander, ohne sie zu prüfen oder zu konfrontieren. Das ist He-said-she-said-Journalismus auf dem Niveau eines Polizeiberichts.

Die Zugangsregel: erwähnt, aber nicht diskutiert

Die Stadt Bern teilt mit: «Alle Personen, die sich als Frau identifizieren und als solche leben, haben Zugang zum Paradiesli.» Im Härtefall gilt das amtliche Geschlecht im Ausweis. Das ist eine klare Regel — aber sie wirft Fragen auf, die der Beitrag nicht stellt:

Was heisst «als Frau leben»? Wie wird das überprüft? Muss man eine Bescheinigung vorlegen? Eine ärztliche Stellungnahme? Oder reicht die Selbstauskunft?

Was ist ein «Härtefall»? Wer entscheidet, ob ein Härtefall vorliegt? Das Badepersonal? Die Stadt? Und nach welchen Kriterien?

Was bedeutet «amtliches Geschlecht im Ausweis»? In der Schweiz kann das Geschlecht im Ausweis seit 2022 ohne medizinische Indikation geändert werden. Wenn eine trans Frau den Ausweis auf «weiblich» geändert hat, gilt sie nach der Regel als Frau — egal welche körperlichen Merkmale sie hat. Wenn sie den Ausweis nicht geändert hat, gilt sie im Härtefall als Mann. Das ist eine administrative Regel, die die Frage der körperlichen Merkmale umgeht — aber sie löst das Problem nicht, das im Marzilibad auftrat: Die gestörten Frauen störten sich an körperlichen Merkmalen, nicht an einem Ausweis.

Was passiert, wenn eine trans Frau den Ausweis nicht geändert hat, sich aber als Frau identifiziert und als solche lebt? Dann hat sie nach der Regel Zugang — aber im Härtefall nicht. Was ist, wenn das Badepersonal einen Härtefall annimmt, die trans Frau aber nicht? Genau das ist im Marzilibad passiert — und der Beitrag erklärt nicht, wie die Regel in der Praxis funktioniert.

Der Konflikt, der nicht thematisiert wird

Der Beitrag behandelt den Vorfall als Managementproblem: Die Zugangsregel war unklar, das Badepersonal hat falsch reagiert, die Polizei wurde fälschlicherweise gerufen, die Stadt hat sich entschuldigt. Das ist die institutionelle Lesart — und sie ist nicht falsch, aber sie ist unvollständig.

Die andere Lesart ist: Hier prallen zwei legitime Ansprüche aufeinander. Auf der einen Seite: trans Frauen, die als Frauen leben und Zugang zu Frauenräumen haben wollen. Auf der anderen Seite: Frauen, die in einem frauen-separierten Nacktbereich nicht von Personen mit männlichen körperlichen Merkmalen umgeben sein wollen. Beide Ansprüche haben eine moralische und politische Legitimität — und der Konflikt ist nicht dadurch lösbar, dass man eine Seite als gestört pathologisiert und die andere als Opfer heroisiert.

Der Beitrag thematisiert diesen Konflikt nicht. Er erwähnt die gestörten Frauen, um sie sofort zu überspringen. Er erwähnt die Solidarisierenden, um sie unsichtbar zu machen. Er erwähnt die trans Frau, um sie als Opfer darzustellen. Er erwähnt die Polizei, um sie als überreagierend zu markieren. Er erwähnt die Stadt, um sie als lernfähig zu zeigen. Niemand wird konfrontiert, keine Perspektive wird geprüft, keine Frage wird gestellt. Das ist Konfliktvermeidungsjournalismus — und er verfehlt die Story, die hier eigentlich passiert ist.

Was komplett fehlt

Keine eigene Stimme der trans Frau. Keine eigene Stimme der gestörten Frauen. Keine eigene Stimme der Solidarisierenden. Keine Befragung der Polizei zum Verhältnismässigkeitsprinzip. Keine Frage nach der Ursache der Spitalnacht. Keine Frage nach der Identität der Person, die die Polizistin angriff. Keine Frage nach der Zugangsregel in der Praxis (Wie wird «als Frau leben» überprüft? Was ist ein Härtefall?). Keine Frage nach dem Konflikt zwischen Selbstidentifikation und körperlichen Merkmalen in einem Nacktbereich. Keine Frage nach den Erfahrungen anderer Schweizer Bäder mit ähnlichen Regeln. Keine Frage nach der rechtlichen Situation: Darf ein Badbetrieb Personen aufgrund körperlicher Merkmale ausschliessen, wenn sie sich als Frauen identifizieren? Keine Frage nach dem Verhältnis zwischen Geschlechtsidentität und Geschlechtsmerkmalen in frauen-separierten Räumen. Keine Frage nach der politischen Dimension: Die Debatte über trans Frauen in Frauenräumen ist eine der umstrittensten Fragen der Gegenwart — der Beitrag behandelt sie als Berner Badevorfälligkeit.

Kurzurteil

Ein faktenkorrekter, aber konfliktvermeidender Beitrag über einen Vorfall, der einen zentralen gesellschaftlichen Konflikt berührt: den Zugang trans Frauen zu frauen-separierten Räumen. Die gestörten Frauen kommen als Stimme nicht vor — ihre Perspektive wird erwähnt und sofort übersprungen. Die Solidarisierenden kommen nicht vor — ihre Rolle bei der Eskalation wird nicht thematisiert. Die trans Frau kommt nicht selbst zu Wort — ihr Umfeld liefert schwere Vorwürfe gegen die Polizei, die ungeprüft wiedergegeben werden. Die Polizei liefert eine Gegenperspektive, die ebenfalls ungeprüft bleibt. Die Spitalnacht wird erwähnt, aber nicht erklärt. Die Zugangsregel wird zitiert, aber nicht in der Praxis diskutiert. Der zentrale Konflikt — Selbstidentifikation vs. körperliche Merkmale in einem Nacktbereich — wird nicht thematisiert. Gemessen an Art. 93 BV ist das kein Falschbericht, aber ein Stück, das einen gesellschaftlichen Konflikt als Managementproblem gerahmt und damit die politische Dimension ausblendet. Wer den Beitrag hört, weiss, dass im Marzilibad etwas schiefgelaufen ist und dass sich die Stadt entschuldigt hat. Wer wissen will, warum es schiefgelaufen ist, wer hier recht hat und was das für die Frage bedeutet, wer Zugang zu Frauenräumen hat, bekommt keine Antwort — weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist kein Journalismus, das ist eine Pressemitteilung mit Polizeirapport.

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