Das 3x3 der CH – Teil I: Die Schweiz, die sie uns wünschen
Drei Bundesrätinnen. Drei Pfeiler. Drei Trümmerfelder.
2014 veröffentlichte Micheline Calmy-Rey ein Buch: «Die Schweiz, die ich uns wünsche.» Nicht die Schweiz, die das Volk sich wünscht. Die Schweiz, die sie uns wünscht. Für uns. Weil sie es besser weiss.
Drei Worte verraten das Weltbild: «die ich uns wünsche.» Die Schweiz ist nicht gut genug, wie sie ist. Unsere Prinzipien sind Altlasten. Modernisierung heisst: so werden wie alle anderen.
Calmy-Rey war nicht allein. Eine Generation von Entscheidungsträgern glaubte aufrichtig, die Schweiz müsse sich von sich selbst befreien, um in der Welt bestehen zu können.
Drei Frauen. Drei Departemente. Drei Grundpfeiler der Schweiz, die unter ihrer Führung abgetragen wurden.
Micheline Calmy-Rey: Die Neutralität
Bundesrätin 2003–2011. SP. Vorsteherin des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten.
Calmy-Rey machte nie einen Hehl daraus: Neutralität war für sie ein Hindernis. Eine Ausrede für Passivität. Etwas, das überwunden werden muss.
Als Aussenministerin betrieb sie «aktive Aussenpolitik» — Partei ergreifen, sich positionieren, sich einmischen. Das Gegenteil dessen, was Neutralität verlangt. Sie unterstützte den EU-Beitritt der Schweiz. Offen. Ohne Vorbehalte.
Neun Jahre lang steuerte sie die Schweizer Aussenpolitik in eine Richtung, die mit bewaffneter Neutralität nichts mehr zu tun hat. Als sie ging, war der Boden bereitet.
2014 schrieb sie ihr Buch. Die Schweiz, die sie uns wünscht: ohne echte Neutralität, eingebettet in europäische Strukturen, «verantwortungsvoll» im Sinne der internationalen Gemeinschaft. Eine Schweiz, die tut, was andere von ihr verlangen.
Sie hat ihren Wunsch bekommen.
Eveline Widmer-Schlumpf: Das Geld
Bundesrätin 2008–2015. BDP. Vorsteherin des Eidgenössischen Finanzdepartements.
Die Geschichte beginnt mit einem Bruch. 2007 wurde sie in den Bundesrat gewählt — gegen den Willen ihrer eigenen Partei, als Ersatz für Christoph Blocher. Die SVP schloss sie aus. Sie gründete die BDP, eine Partei so bedeutungslos, dass sie sich Jahre später selbst auflöste.
Die wirklichen Schäden richtete sie im Finanzdepartement an.
Unter ihrer Führung kapitulierte die Schweiz im Steuerstreit mit den USA und der EU. Das Bankgeheimnis, über Generationen aufgebaut, wurde in wenigen Jahren zerstört. UBS zahlte 780 Millionen Dollar Busse und lieferte Kundennamen. Der automatische Informationsaustausch wurde verhandelt und eingeführt. Das Fundament des Schweizer Finanzplatzes — aufgegeben auf Druck von aussen.
Widmer-Schlumpf verteidigte jeden Schritt als «notwendig» und «verantwortungsvoll.» Die Schweiz könne sich nicht isolieren. Man müsse internationale Standards einhalten.
Die Drohung war real: Ein Schweizer Finanzplatz, der aus dem globalen System ausgeschlossen wird, verliert seinen Zugang zu Dollar-Clearing, zu SWIFT, zu den Märkten, die ihn überhaupt erst möglich machen. Das hätte möglicherweise tausende Arbeitsplätze gekostet und den Finanzplatz schleichend zerstört.
Aber die Frage, die nie gestellt wurde: Gibt es einen Preis, der zu hoch ist? Gibt es ein Grundrecht, das nicht verhandelbar ist? Die Antwort der politischen Klasse war: Nein. Alles ist verhandelbar. Alles hat seinen Preis.
Und dann, 2014, die Gold-Initiative. Die letzte Chance, die SNB zur Sicherung von Goldreserven zu verpflichten. Widmer-Schlumpf erklärte öffentlich, Gold habe «seine Bedeutung in der Geldpolitik längst verloren.»
Gold stand bei 1'183 Dollar. Die 1'550 Tonnen, die die SNB zwischen 2000 und 2008 bei rund 300 Dollar verkauft hat, wären heute — bei einem Goldpreis von rund 3'350 Franken pro Unze — über 167 Milliarden Franken wert. Bei dem Preis, den Gold kurzzeitig erreichte, wären es über 200 Milliarden.
Widmer-Schlumpf hat die finanzielle Souveränität der Schweiz nicht allein zerstört. Aber sie hat den Schlüsselmoment verwaltet, in dem die letzten Schutzwälle fielen. Mit der ruhigen Überzeugung, das Richtige zu tun.
Viola Amherd: Die Verteidigung
Bundesrätin 2019–2025. Die Mitte. Vorsteherin des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport.
Amherd übernahm das Departement, das für die bewaffnete Neutralität zuständig ist. Jeder Bürger ein Soldat. Jede Grenze gesichert. Nicht angreifen, aber verteidigen können. Das war der Auftrag.
2022 übernahm die Schweiz die EU-Sanktionen gegen Russland. Man kann über den Krieg in der Ukraine denken, was man will — und die Sanktionen hatten damals vermutlich Mehrheitsunterstützung in der Bevölkerung. Aber die Schweiz hat damit ein Prinzip gebrochen, das zwei Weltkriege, den Kalten Krieg und jeden anderen Konflikt des 20. Jahrhunderts überlebt hatte.
Das Argument: Die Schweiz steht nicht allein. Die Sanktionen waren die Konsequenz eines «völkerrechtswidrigen» Angriffskriegs. Sich herauszuhalten wäre moralisch falsch gewesen.
Das Gegenargument: Neutralität ist kein moralisches Urteil, sondern ein Schutzschild. Wer Partei ergreift, wird zur Partei. Wer Sanktionen übernimmt, wird zum Akteur. Die Schweiz hat sich 2022 positioniert — und damit jede zukünftige Vermittlerrolle aufgegeben. In einer multipolaren Welt, in der Vermittler dringend gebraucht werden, hat die Schweiz ihr einziges Alleinstellungsmerkmal freiwillig abgegeben.
Danach ging es Schlag auf Schlag. Annäherung an die NATO. Diskussionen über Waffenlieferungen. Re-Export von Schweizer Kriegsmaterial. Jede rote Linie, die seit Jahrzehnten galt, wurde «neu diskutiert.» Jede Diskussion endete mit einem weiteren Schritt weg von der Neutralität.
Dazu kam die Affäre um ihre Stabschefin — schwere Fragen über Führung und Kontrolle im Departement, die nie befriedigend beantwortet wurden.
Anfang 2025 trat Amherd zurück. Unter Druck. Ohne dass die grundsätzlichen Fragen beantwortet worden wären: Ist die Schweiz noch neutral? Und wenn nicht, wer hat das entschieden?
Nicht das Volk. Es gab keine Abstimmung über die Sanktionen. Keine Abstimmung über die NATO-Annäherung. Keine Abstimmung über das Ende der bewaffneten Neutralität. Es wurde einfach gemacht. Schritt für Schritt. Unter einer Verteidigungsministerin, deren Auftrag es gewesen wäre, genau diese Prinzipien zu schützen.
Das Muster
Drei Frauen. Drei Departemente. Drei Pfeiler der Schweiz.
Alle drei sind gebildet, erfahren, pflichtbewusst. Alle drei haben aus Überzeugung gehandelt. Alle drei glaubten aufrichtig, das Richtige für die Schweiz zu tun.
Genau das macht es so gefährlich.
Die Schweiz wurde nicht von aussen demontiert. Sie wurde von wohlmeinenden Menschen umgebaut, die nicht verstanden haben, was sie abreissen. Die Neutralität war kein Hindernis, sondern ein Schutzschild. Das Bankgeheimnis war kein Steuertrick, sondern ein Grundrecht. Das Gold war kein Relikt, sondern eine Versicherung. Die bewaffnete Neutralität war kein Anachronismus, sondern die ehrlichste Form der Souveränität.
Diese Prinzipien waren keine Altlasten. Sie waren das Fundament.
Und die Schweiz, die sich Calmy-Rey, Widmer-Schlumpf und Amherd für uns gewünscht haben? Das ist die Schweiz, in der wir jetzt leben.
Ohne Bankgeheimnis. Mit 167 Milliarden Franken weniger in Goldreserven. Mit einer Neutralität, die nur noch auf dem Papier existiert. Mit einer Armee, die nicht weiss, ob sie neutral ist oder NATO-Partner.
Die Schweiz, die wir uns wünschen
Es gibt eine andere Schweiz. Keine vergangene, sondern eine mögliche.
Eine Schweiz, die ihre Prinzipien nicht als Schwäche versteht, sondern als grösste Stärke. Die erkennt, dass in einer Welt der Deglobalisierung, der Multipolarität und des schwindenden Vertrauens in Grossmächte genau diese Prinzipien wertvoller sind als je zuvor.
Subsidiarität. Bewaffnete Neutralität. Hartes Geld. Privatsphäre. Eigenverantwortung.
Die Welt bewegt sich in unsere Richtung. Die Frage ist nur, ob wir noch wissen, wer wir sind, wenn sie ankommt.
Es ist Zeit, etwas zu sagen. Eigentlich ist es schon spät. Aber noch nicht zu spät.
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